KreuzKirchenKonzerte - Die musikalische Woche in Wiedenbrück

Uwe Birnstein (links) und Werner Hucks brachten dem Publikum mit ihrem Programm „Zwei Deutsche für ein Halleluja“ Udo Lindenberg und Martin Luther näher. (Foto: Beuermann)

Wir leben vor dem Horizont

Luther & Lindenberg – Zwei Deutsche für ein Halleluja

Wie wäre es, wenn sich Martin Luther und Udo Lindenberg treffen würden – zum Beispiel in einer Wittenberger Kneipe oder an der Bar des Hamburger Atlantik-Hotels? Dieser spannenden Frage gingen jetzt Uwe Birnstein und Werner Hucks in ihrem Programm „Zwei Deutsche für ein Halleluja“ in der Wiedenbrücker Kreuzkirche nach.

Tatsächlich hatte Uwe Birnstein als junger Student einmal die Gelegenheit, Udo Lindenberg zu interviewen. Lindenberg zitierte damals Luthers berühmten Ausspruch: „Und sollte morgen die Welt untergehen, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Und fügte dann hinzu: „Das ist meine Lebenshaltung!“ In seinen Liedern setzte er es dann in Aufrufen wie „No panic!“ um. Obwohl eher in einem agnostischen Elternhaus großgeworden, setzt sich Udo Lindenberg in seinem Werk immer wieder mit religiösen Themen auseinander.

Uwe Birnstein, bekennender Lutherleser und Lindenberghörer, nahm an diesem Abend das Publikum in der gut besetzten Kreuzkirche mit auf eine unterhaltsam-tiefsinnige Zeitreise durch die deutsche Pop-Kultur der letzten Jahrzehnte. Es zog zahlreiche Parallelen zwischen dem Reformator Luther und dem Panikrocker Lindenberg. Werner Hucks gelang es immer wieder mit seinem Gitarrenspiel zwischen den Renaissanceliedern Luthers und den populären Songs von Lindenberg hin- und herzupendeln. So verschmolz „Hinter dem Horizont“ genial mit „Ein feste Burg“ zu einem neuen Lied. Da Hucks seine Noten vergessen hatte, musste er alle Lieder auswendig spielen, was das Publikum mit einem Sonderapplaus honorierte. 

Der Publizist Birnstein stellte heraus, dass Luther und Lindenberg beide politische Menschen seien. Lindenberg legte sich im „Sonderzug nach Pankow“ mit dem DDR-Regime unter der Führung von Erich „Honey“ Honecker an und schenkte dem Staatsratsvorsitzenden eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“. Offen lehnte Lindenberg eine Wiederaufrüstung in Ost und West ab. „Udo stand vor Honecker – und Luther vor dem Oberindianer seiner Zeit: Kaiser Karl V.“, so Birnstein. Und begehrte gegen Staat und Kirche auf. „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“, formulierte es der Wittenberger. „Ich mach mein Ding“, sang der Rocker unserer Tage.

Eine weitere Parallele: Luther und Lindenberg wollten den Menschen die 10 Gebote näherbringen. Luther in den Erklärungen seines Katechismus – Lindenberg in einem Bildzyklus, der in einer Bildpräsentation visualisiert wurde. Werner Hucks intonierte passend dazu das eher unbekannte Gesangbuchlied „Dies sind die heil’gen zehn Gebot“. In Sachen Liebe war es für den jungen Udo Lindenberg eine Musikerin, „sie spielte Cello“. Luther fand mit 42 Jahren in Katharina die Frau fürs Leben. „Plötzlich sind da Zöpfe im Bett, die vorher nicht da waren“, bekannte er.

Auf einer eher unbekannten CD veröffentlichte Lindenberg eine neue Version des Abendliedes „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“. Unter Gitarrenbegleitung von Hucks und Birnstein konnte das Publikum an diesem Abend die Originalversion singen. Luther und Lindenberg sahen in Kindern die Zukunft der Welt. Darum ist Lindenbergs Credo: „Es gibt keine Alternative zum Optimismus!“   

Und so endete dieser außergewöhnliche panisch-theologische Abend, wie er begonnen hatte. „Wir leben vor dem Horizont“, so Uwe Birnstein. „Das ist anstrengend und schön!“ Aber, so Lindenberg in Erinnerung an seine verstorbene Freundin Gabi Blitz: „Hinterm Horizont geht’s weiter!“ Da ist es wunderschön und da sehen wir uns wieder! Martin Luther hätte ihm dann mit einem von Katharinas Bieren (oder einem Glas Whiskey) zugeprostet und gesagt: „Sündige tapfer! Aber glaube noch tapferer!“  (Marco Beuermann)

Christian Schauerte überrascht sein Publikum mit einer improvisierten Orgel-Oper.

Aus dem vom Publikum mitgebrachten Gegenständen entwickelt Christian Schauerte das Libretto für seine Orgeloper.

Ein vom Publikum selbstgedichtetes Lied auf die Melodie „Großer Gott“ bildet den Schlusschor der Oper. (Fotos: Andreas Heimann)

Wenn eine Vase eine Ente liebt

Organist entwickelt Orgeloper aus mitgebrachten Gegenständen

„Was haben wir denn da alles?“ Christian Schauerte schaut sich die zahlreichen, von Konzert-Besuchern mitgebrachten, Gegenstände auf dem Tisch vor sich an. Dann bittet er das Publikum, ihm Melodien vorzuschlagen. „Großer Gott, wir loben dich“ wird genauso genannt wie Harry Belafontes „Banana Boat Song“. „Nun brauchen wir noch ein Libretto…!“ Im Rahmen der Reihe „KreuzKirchenKonzerte“ entwickelt der Ibbenbürener Kirchenmusiker vor den Augen und Ohren des staunenden Publikums auf der Empore der Wiedenbrücker Kreuzkirche dann für eineinhalb Stunden eine halb-szenische Orgeloper. Belafontes Banana-Lied wird dabei zum Leitmotiv.

Von den Gegenständen wird eine silberne Vase ausgesucht, die das Publikum „Line“ tauft. Und Vaseline besingt in einer Klagearie – von Schauerte mit falsettierter Stimme genial in Szene gesetzt – ihre zu dicke Figur. Schuld ist Giovanni, der in Form einer kleiner Plastikente auf der Tischbühne auftaucht. Giovannis berühmte „Pizza al forno“ ist der Ruin für Vase Lines schlanke Figur. Der Pizzabäcker bekommt von Schauerte eine heitere Rondo-Melodie verpasst. „Giovanni pfeift gerne“, so der Organist.

Aus weiteren Gegenständen und Zurufen aus den Reihen der Zuhörer entwickelt Schauerte den Fortgang der Oper. Immer wieder haben die Besucher Lachtränen in den Augen, wenn Schauerte zwischen Orgelbank und Bühne hin- und herspringt, um die Oper voranzutreiben. Dann wird es dramatisch: Ein Nebenbuhler, der Schneebesen Frigido, wirbelt alles durcheinander. „Jetzt muss ich in Moll spielen“, so der Organist. Das Publikum entscheidet aber, dass die Oper glücklich enden soll. So taucht am Ende ein Playmobil-Bischof auf und einer Hochzeit von Vaseline und Giovanni scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Schließlich stimmen alle Besucher auf der Orgelempore in einen selbstgetexteten Schlusschor auf die Melodie von „Großer Gott…“ ein. 90 Minuten sind wie im Fluge vergangen. Vaseline jedoch verschmäht am Ende den Pizzabäcker Giovanni – und die Oper mündet in ein großes Orgel-Finale des Kirchenmusikdirektors Schauerte, der sich von seiner äußerst humorvollen Seite zeigt. Applaus brandet auf! Christian Schauerte und Pfarrer Marco Beuermann kennen sich seit 19 Jahren noch aus Beuermann Ibbenbürener Zeiten. Und vielleicht präsentieren beide im kommenden Jahr „der Tragödie zweiter Teil“!   (-beu)